T A U - D A S F R A N Z I S K A N I S C H E Z E I C H E N
Zu den Zeichen franziskanischer Identität und Gemeinschaften gehört das Tau. Es findet
immer mehr Anklang, nicht nur bei der Jugend. Doch nicht alle wissen, welcher
Reichtum an Symbolik hinter diesem Zeichen steht.
Der Prophet Ezechiel schildert eine dramatische Situation für die Stadt
Jerusalem. Die Stadt war überflutet von heidnischen Kulten, das Volk war
von Gott abgefallen, obwohl dieser ihm die Grundlage für sein Gedeihen
geboten hatte. Man verehrte große und kleine Tiere und alle möglichen
Götzen, darunter auch die Sonne. Gott war über diese Beleidigung von Zorn
entbrannt. Er hatte den Untergang der Stadt beschlossen. Gott der Herr
schickte einen Mann mit leinenem Gewand durch die Stadt mit dem Auftrag:
"Geh mitten durch die Stadt Jerusalem und schreib ein TAU auf die Stirn
aller Männer, die über die in der Stadt begangenen Greueltaten seufzen und
stöhnen." Zu sechs Männern, die ein Werkzeug zum Zertrümmern in der Hand
hatten, sagte Gott: "Geht hinter ihm her durch die Stadt, und schlagt zu!
Euer Auge soll kein Mitleid zeigen, gewährt keine Schonung! Alt und jung,
Mädchen, Kinder und Frauen sollt ihr erschlagen und umbringen. Doch von
denen, die das TAU auf der Stirn haben, dürft ihr keinen anrühren"
(Ezechiel, Kap. 9).
Israel macht die Erfahrung: Wer das Zeichen TAU auf der Stirn hat, wird
gerettet, bleibt vor der Vernichtung verschont. Er darf leben. Was ist das
Geheimnis dieses TAU, das Leben und Überleben inmitten des Unterganges
gewährleistet?
Zunächst ist es der letzte Buchstabe des hebräischen Alphabets und heißt
dort TAW. In der griechischen Schrift und Sprache ist es das TAU. In den
späteren europäischen Schriftzeichen wandelt es sich zum T. Was bedeutet
das TAW? Im allgemeinsten Sinn hat es die Bedeutung von "Zeichen". In der
altsinaitischen Schrift bedeutet es "Gerichtsmarke" im Sinne unseres
heutigen Wortes "Siegel".
Für die Juden der Spätantike hat TAW nicht nur die Bedeutung von
"Zeichen", sondern es ist das Abschlußzeichen des als heilig erachteten
Alphabets. Hinzu kommt, daß TAW der erste Buchstabe des Wortes
Thora ist. Thora heißt Gesetz, die Weisung. Man nahm dann den
ersten Buchstaben von "Thora", also das TAW, als Inbegriff des ganzen
Gesetzes, als Ausdruck des heiligen Willen Gottes. Das vorchristliche TAW
war auch Zeichen der Vollkommenheit und Ganzheit.
Auch in christlicher Zeit ging das TAW nicht unter. Die Kirchenväter
haben sich immer wieder mit dem TAW als Sinnbild beschäftigt. Für sie war
es eine Prophetie im Hinblick auf das christliche Heilszeichen, das Kreuz.
Schon der hl. Hieronymus schrieb im Blick auf die o. g. Ezechiel-Stelle:
"Wer immer dieses Zeichen trägt (gemeint ist das Kreuz), wird nicht
getötet." TAW ist nun nicht mehr nur "Zeichen", sondern auch
Kreuzzeichen.
Hieronymus hat bei seiner Übersetzung des Alten Testaments aus dem
Griechischen ins Lateinische das TAW mit Zeichen und Kreuzzeichen
übersetzt, welches im weltlichen und gesetzlichen Bereich von Bedeutung
ist. Im wirtschaflichen und sozialen Leben galt es als Kennzeichen für
Stammesangehörige, als Eigentumszeichen von Sklaven oder Vieh, und wurde
zur Beglaubigung von Urkunden verwendet. Wir würden diese Bedeutung heute
mit "Siegel" beschreiben.
In der großen Bilderschau des Johannes, in der Apokalypse, finden wir
auch diese Bedeutung von Siegelung. "Dann sah ich vom Osten her einen
anderen Engel emporsteigen; er hatte das Siegel des lebendigen Gottes und
rief den vier Engeln, denen die Macht gegeben war, dem Land und dem Meer
Schaden zuzufügen, mit lauter Stimme zu: Fügt dem Land, dem Meer und den
Bäumen keinen Schaden zu, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel
auf die Stirn gedrückt haben" (Offb 7,2-3).
Von einem Siegelzeichen spricht also die Offenbarung des Johannes.
Wir dürfen davon ausgehen, daß es sich um das Kreuzzeichen als Zeichen des
Heiles handelt. Dies ist auch die Begründung für die schon frühchristliche
Sitte, sich auf der Stirn mit dem Kreuzzeichen zu segnen. Origines belegt
dies, wenn er sagt, daß die Christen sich das Kreuzzeichen auf die Stirn
machen, wenn sie eine Arbeit beginnen, besonders vor dem Beten und vor den
heiligen Lesungen.
Wie uns die Ikonographie bezeugt, war es im Altertum und im
Frühmittelalter üblich, dem Kreuz die Form des Tau zu geben. Noch Fra
Angelico pflegt diese Form z. B. in seinem Jüngsten Gericht. Erst später
verwendete man das uns gewohnte, vierschenkelige Kreuz. Auch Franziskus
von Assisi verwendet noch die alte Form des Kreuzes, das TAU. Als
franziskanisches Zeichen ist es bis in unsere Zeit herübergerettet worden.
Freilich verstehen es nicht alle.
Mir kommt hier folgende Episode: In der Zeit nach dem Zweiten
Vatikanischen Konzil, als alles im Umbruch war und neue Formen gesucht
wurden, ließ sich ein Mitbruder von seiner Mutter ein neues "Ordenskleid"
anfertigen. Es sollte unsere Kutte, die von ihm als überholt betrachtet
wurde, ablösen. Er trug eine Art Kasack oder Stutzer, mit einem Gürtel.
Vorne, auf der Seite des Herzens, war ein "TAU" aufgenäht. Als dieser
Mitbruder einmal einen Hausbesuch bei einer Familie machte, wurde er schon
an der Türe gefragt: Sind Sie der Tankwart?
Von der Hand des Franziskus sind uns noch zwei Zeichnungen des Tau
erhalten. Das wohl berühmteste Tau-Zeichen findet sich unter dem Segen für
Bruder Leo. Dort ist es so gesetzt, daß es auf dem gezeichneten Kopf des
Bruder Leo (oder ist es Adam?) aufruht. Offensichtlich wollte Franziskus das
Kreuzzeichen auf die Stirn Bruders Leos oder des Menschen allgemein
setzen, um zu sagen: Ich stelle das Kreuz in deine Dunkelheit und
Unerlöstheit, auf daß es dir Heil bringe und deine mißliche Lage verwandle.
Das andere Tau-Zeichen finden wir in einer Fensternische auf der linken
Seite der Magdalenenkapelle in der Einsiedelei Fonte Colombo im Rietital.
Es ist mit roter Farbe geschrieben.
Sein Urerlebnis mit dem Tau hatte Franziskus beim Vierten
Laterankonzil 1215 in Rom. Damals predigte Papst Innozenz III. zum Thema:
"Gott will nicht den Tod des Sünders." Der Papst erklärte in diesem
Zusammenhang: "Tau ist der letzte Buchstabe des hebräischen Alphabets und
gibt das Kreuz wieder in der Form, die es hatte, bevor Pontius Pilatus
seine Inschrift darauf anbrachte. Dieses Zeichen trägt jeder an der Stirne,
der die Kraft des Kreuzes in seinen Werken zeigt nach dem Apostelwort:
'Sie haben ihr Fleisch mit seinen Leidenschaften und Gelüsten ans Kreuz
geschlagen' und: 'Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi,
unseres Herrn, rühmen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der
Welt'."
Jedes dieser Worte des Papstes traf Franziskus ins Herz, war er doch
schon ein großer Liebhaber des Kreuzes. Von da an wählte Franziskus das Tau
als Sinnzeichen seiner Bruderschaft und als Siegel.
Bei der Symbolbedeutung des Tau kristallisieren sich vor allem folgende
Bedeutungen heraus:
Tau, das ist
Zeichen
Gerichtsmarke
Siegel
Eigentumszeichen
Zeichen der Vollkommenheit
Kreuzzeichen
Zeichen göttlicher Erwählung
Zeichen der Rettung und des Heiles durch Jesus Christus.
Heute tragen viele Menschen dieses Zeichen. Sie dürfen sich auf ihrem Weg
geeint wissen mit den franziskanischen Geschwistern und mit Franziskus
selber.
(Ein Text von Anselm Kraus)
